Zukunft
à la carte

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Hotelfachkräfte und Köche, Kellner und Rezeptionisten: Die TUI AG bildet seit Jahren in den Robinson Clubs in der Türkei erfolgreich Nachwuchs aus. Dabei ist ein Teil der jungen Menschen in einem speziellen Programm, dessen Abschluss mit dem deutschen Gesellenbrief gleichgestellt ist – dank einer intensiven Zusammenarbeit mit dem türkischen Erziehungsministerium und der Industrie- und Handelskammer Hannover. Einblicke in eine Ausbildung mit Perspektive.

Büffeln für ihre Zukunft: Die
Auszubildenden der Robinson
Clubs drücken während der
Theoriephasen im Winter die
Schulbank. Im Sommer geht es
in die Praxis.

Die riesige rote Fahne mit dem Halbmond wiegt sich sanft im Wind, der vom Meer herüberweht. An Dutzenden Tischen sitzen entspannte Urlauber, genießen die türkischen Speisen, den Wein und, als bittersüßen Abschluss, den starken Mokka. Auf einer Bühne spielt eine Dreimannband, später ge­sellt sich eine Bauchtänzerin hinzu. Ihr Auftritt ist eindrucksvoll, das Publikum applaudiert begeistert.

Eine typische Urlaubsidylle im Robinson Club Camyuva an der Türkischen Riviera. Günce Yildiz beobachtet das Geschehen von einem breiten Serviertisch aus. Bis eben hatte die schmale junge Frau in der weißen Kochjacke keinen Blick für diese stimmungsvolle Szenerie. Die 20-Jähri­ge hat zwei Stunden lang konzentriert Gözleme – hauch­zarten Blätterteig mit würziger Schafskäsefüllung – auf weißen Tellern angerichtet, mit Petersilie, Zitronen­achteln und Kisirklößchen aus Bulgur garniert, Zutaten geschnitten und den neugierigen Gästen die Zubereitung erklärt. Und dabei, trotz allem Stress, den Genießern mit einem freundlichen Blick und kleinen Späßen ein gutes Gefühl gegeben.

Günce Yildiz lernt in dem sonnigen Ambiente des Vorzeigeresorts Hotelfachfrau, und zwar im Rahmen des „Robinson Education Project“. 64 junge Männer und Frauen erhalten in den Bereichen Rezeption, Restaurant, Bar oder Küche eine duale Ausbildung mit Berufsschulunterricht und Praxisphasen im Club. „Wir haben uns stark engagiert, diese Form der Lehre zu etablieren, die für die Türkei noch ungewöhnlich ist“, sagt Gülsün Candar, die in Deutschland aufwuchs, Volkswirtschafts- lehre in Tübingen studierte und beide Kulturen sehr genau kennt. Sie leitet die gesamte Ausbildung in den vier Robinson Clubs, die in herrlichen Lagen rund um Antalya die Urlauber erfreuen. Seit dem Jahr 2003 hat Gülsün Candar in Zusammenarbeit mit dem türkischen Erziehungsministerium einen Weg gefunden, die zweijährige Berufsausbildung samt Gesellenbrief staatlich anerkennen zu lassen.

Ein Leben in zwei Welten

Der Nachwuchs lernt vor allem Service- oder Barfachkraft oder auch Koch. Günce und rund 20 andere 17- bis 23-Jährige zeichnet eines besonders aus: Sie haben zumindest einen Teil ihres Lebens in Deutsch-land verbracht und sprechen die beiden Sprachen Türkisch und Deutsch sehr gut. „Sie finden sich hier hervorragend zurecht und kennen gleichzeitig die Mentalität der deutschen Urlauber“, sagt Gülsün Candar.

Die Ausbildung zur Hotelfachkraft unterscheidet sich von dem rein türkischen Abschluss. „Seit dem Jahr 2010 haben wir eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Hannover auf die Beine gestellt“, erklärt die Personalchefin. Neben dem Unterricht durch die Experten aus den Robinson Clubs und an den staatlichen Schulen kommen ein weiteres Jahr Ausbildung im Club, Zusatzschulungen der IHK und eine anschließende externe Prüfung hinzu, die zur so genannten Gleichwertigkeitsbescheinigung führen. „Der Abschluss ist damit auch in Deutschland anerkannt“, sagt Gülsün Candar. Inhaltlich wird die Aus­bildung um Themen wie Marketing, Einkauf oder tiefer gehendes Wissen über Service und Küche ergänzt.

An Günce Yildiz’ Beispiel ist abzulesen, wie die Verschmelzung beider Welten funktioniert. Die junge Frau ist in der Türkei geboren und im ersten Grundschul­-jahr wegen der Arbeit ihres Vaters ins niedersächsische Delmenhorst übergesiedelt. Sie machte dort den Realschulabschluss. „Ich wollte schon lange in den Tourismusbereich gehen, weil ich den Kontakt zu Menschen sehr gerne mag“, erzählt sie. Zudem arbeiten ihr Onkel und Vater im familieneigenen Reisebüro, schon früh entstand so eine Nähe zur Branche.

Nachdem sie bereits eine Ausbildung zur Hotelkauffrau in einem Hotel in Bremen begonnen hatte, kam die Zusage von Robinson. „Ich wusste direkt, dass ich das machen will“, sagt Günce Yildiz, die ihre Lehre abbrach und zu TUI wechselte. Auch ihre Mutter, die die Bewerbungsbroschüre entdeckt hatte, bestärkte sie in der Idee, zumal die Familie wieder zurück in die Heimat ziehen wollte. An ihren freien Tagen kann die junge Frau bei ihren Eltern in Antalya leben. „Dadurch fühle ich mich gleich doppelt gut aufgehoben.“

Der Nachwuchs will hoch hinaus

Auch Ahmet Güneş, der seine Lehre schon erfolgreich hinter sich gebracht hat und nun im Robinson Club Pamfilya arbeitet, kommt aus Deutschland. Der 23-Jährige wuchs in Limburg an der Lahn auf und wollte nach dem Realschulabschluss unbedingt in der Türkei arbeiten. Mit einem klaren und ambitionierten Ziel: „Ich möchte irgendwann einmal Hoteldirektor in Istanbul werden“, sagt der begeisterte Hobbyfußbal­ler, der für den Hauptstadtclub Galatasaray schwärmt und so oft wie möglich Spiele besucht. „Ich weiß, bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber ich fühle mich durch die Ausbildung super vorbereitet.“

Seine nächste Station soll erst einmal der Robinson Club im deutschen Fleesensee sein, wo er schon einmal arbeitete. „In unseren Clubs gefällt es mir einfach gut, einen engen Austausch mit unseren Gästen zu haben. Deswegen möchte ich hier so viele Erfahrungen wie möglich sammeln und vielleicht auch Robinson Trainee werden.“ Mit diesem Programm werden Nachwuchskräfte auf leitende Positionen vorbereitet. „Un­sere jungen Leute sind sehr motiviert“, bestätigt auch Gülsün Candar, während sie im Schulungsraum im Robinson Club eine Multiple-Choice-Arbeit verteilt.

»In unseren Clubs gefällt es mir gut, einen engen Austausch mit unseren Gästen zu haben. Deswegen möchte ich hier so viele Erfahrungen wie möglich sammeln und vielleicht auch Robinson Trainee werden.«

Ahmet Güneş, Geselle im Robinson Club Camyuva

In den Fragen geht es um bestimmte Routinen, die eine Rezeptionskraft beherrschen muss. Die Nachwuchskräfte sitzen konzentriert über ihren Aufgaben, lösen sie schnell und geben die Zettel vor der Zeit ab. Sie sind während der Theoriephasen im Winter, wenn die Clubs geschlossen sind, ebenso gewissenhaft bei der Sache wie im Sommer, wenn es in die Praxis geht.

Bei Günce Yildiz, die in ihrer Freizeit gerne zeichnet und neuerdings auch reitet, stehen neben den Arbeiten an der Rezeption, im Bereich Guest Relations oder im Housekeeping auch Tandemstationen zum Beispiel in der Küche an. Sie bereitet dann am türkischen Abend vor den Augen der Gäste Köstlichkeiten zu oder arbeitet im Hauptrestaurant, im À-la-carte-Restaurant oder an verschiedenen Bars auf dem Club-Gelände.

Personalchefin reist zu Bewerbern

Mit dem „Robinson Education Project“ findet das Unternehmen nicht nur gute Arbeitskräfte. „Wir kommen auch unserer sozialen Verpflichtung nach, indem wir Jugendliche über die Arbeit integrieren“, sagt Gülsün Candar. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei ist hoch, vor allem in Regionen wie Anatolien oder an der Schwarzmeerküste. Wie ernst es die Robinson Clubs meinen, ist daran abzulesen, dass die Personalchefin oft durch die Türkei reist, um Vorstellungsgespräche zu führen. „Auf die Ausbildung als Koch zum Beispiel bewerben sich rund 900 Jugendliche. Die Schulnoten der Bewerber stehen nicht an erster Stelle, ich möchte vor allem Leidenschaft und Begeisterung spüren“, sagt Gülsün Candar. Deswegen treffe sie die Kandidaten vor Ort, zumal viele Familien aus finanziellen Gründen ihren Kindern den Weg in die Robinson Clubs nicht finanzieren können.

»Wir wollen wachsen und dabei die gewohnt hohe Qualität von Robinson wahren. Dies geht nur mit gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern.«

Ingo Burmester, Geschäftsführer Robinson

Die Entfernung von der Heimat zur Ausbildungsstätte ist oft groß. Auch für Günce Yildiz und ihre Freundinnen, mit denen sie sich zu dritt ein Zimmer im Club teilt. „Wir haben Schichtdienste, deswegen sind wir selten alle zusammen hier“, sagt sie, während sie oben auf ihrem Stockbett liegt und ihren Roman kurz zur Seite legt. „Aber wir können uns aufeinander verlassen.“ Sie beugt sich hinunter zum unteren Bett, auf dem ihre Zimmernachbarin sitzt und gerade einen schwarzen Schal strickt. „Wenn etwas ist, haben wir immer jemanden, mit dem wir reden können.“ Personalchefin Gülsün Candar bestätigt das mit einem Lachen – und erzählt von vielen Abenden, an denen sie bei manchen der jungen Leute auf der Bettkante saß und bei Heimweh oder Liebeskummer tröstete.

Nun muss auch Günce Yildiz lachen. „Das war alles nur halb so schlimm“, beschwichtigt die selbstbewusste junge Frau, die gerne in Antalya bummeln geht oder in den Cafés mit herrlichem Blick auf den Konyaalti- Strand unterhalb der Stadt sitzt. „Das Schöne ist, dass ich unter meinen Kollegen Freunde gefunden habe. Wir unterstützen uns gegenseitig, selbst wenn wir Feierabend haben. Deshalb macht die Arbeit in dieser tollen Atmosphäre noch viel mehr Spaß.“

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